Position zur Kommunalwahl 2021: Verlängerung der Linie 500

Inzwischen dürfte fast jede(r) davon gehört haben: Die Verlängerung der Busline 500 zum Bahnhof nach Weetzen ist das wichtigste Thema in der Verkehrspolitik in Gehrden. Dieses Problem hat mich schon früher beschäftigt (und zwar in den Beiträgen: Diskussionspapier zu Regiobus, und: Problemlage Verkehr. Krankenhaus und Gehrden-Ost); ich denke, es ist angemessen, es zu einem zentralen Wahlkampfthema zu machen. Alle Gehrdener Parteien, die Bürgerintiative Wir in Gehrden und das Gehrdener Jugendparlament haben diese Verlängerung gefordert, aber die Region Hannover, insbesondere vertreten in der Person des Verkehrsdezernent Ulf-Birger Franz (SPD), lehnt dies ab. Wenn sie bislang überlegt hatten, ihre Stimme für die Regionsversammlung am 12.September der SPD zu geben, sollten sie sich darüber im Klaren sein. Wenn die SPD nach der Wahl weiterhin den Verkehrsdezernenten der Region Hannover stellt, wird die Verlängerung der Linie 500 sicherlich nicht kommen.

Eine konkrete Debatte dazu fand am 18. März 2021 im Rat der Stadt Gehrden statt. Dabei verteidigten Regionspräsident Hauke Jagau und Verkehrsdezernent Ulf-Birger Franz ihre Position. Im Anschluss an die Debatte hat die Bürgerintiative Wir in Gehrden einen Faktencheck verfasst, und per Email an alle Ratsmitglieder geschickt, der die Argumente der Region zurückweist. Zum einen werden die Kosten der Linienverlängerung viel zu hoch angesetzt. Die bisherige Endstation Agnes-Miegel-Straße soll ja entfallen (die Straße sollte man übrigens umbenennen), so dass sich die Fahrtzeit der Linie 500 insgesamt nur um 2 Minuten verlängern würde. Diese 2 Minuten ließen sich durch zusätzliche Busspuren an den Ampeln in Hannover wieder gewinnen – und diese sollte man, so meine Position, sowieso einrichten, um den Bus gegenüber dem Auto attraktiver zu machen. Pendler werden, für die Fahrt zu Arbeit, das Verkehrsmittel nehmen, das am schnellsten ist. Wenn der Bus genauso zur Hauptverkehrszeit durch den dichten Verkehr verlangsamt wird wie das Auto, dann wird man die Pendler nicht überzeugen können, das Auto stehen zu lassen.  

Zum anderen wird der Nutzen, und die Bedeutung einer direkten Anbindung an den Bahnhof Weetzen den Verantwortlichen der Region unterschätzt. Das betrifft auch die Fahrt nach Hannover. Eine S-Bahn steht nicht im Stau; man wäre also von den südlichen Haltestellen in Gehrden (z.B. der Franzburger Straße) schneller in Hannover, wenn man mit der Linie 500 zuerst nach Weetzen fahren könnte, und dann mit der S-Bahn weiter zu Hauptbahnhof. Vor allem aber betrifft das diejenigen, die nicht von Gehrden zum Zentrum Hannovers wollen, sondern von oder zu einer der kleineren Ortschaften im Westen von Hannover; Barsinghausen, Springe, Wennigsen, und viele kleine Ortsteile dieser Gemeinden verfügen zwar über einen S-Bahn-Anschluss, aber es gibt, außer bei dem Umweg über den Hauptbahnhof Hannover, keine verlässliche Verbindung von der S-Bahn nach Gehrden.

Die Linie 522 (Fahrplanbuch online) kann ja wohl kaum als verlässliche Verbindung bezeichnen.  Wie die Bürgerintiative Wir in Gehrden in ihrem Faktencheck schreibt: „Auf der 522er Linie fahren lediglich Montag-Freitag nach Weetzen 5 Busse in der Zeit von 5:57 Uhr bis 7:57 Uhr, dann gibt es 4 Schulbusse mittags (aber nicht in den Ferien!) und dann nochmal 4 Fahrten am Nachmittag von 15:57 bis 17:27 Uhr. […] Die Linie 522 ist so unattraktiv und nicht auf die Bedürfnisse der Nutzer*innen zu geschnitten, dass sich ein Fahrgastzahlenvergleich zwischen der Linie 522/350 und der Linie 500 verbietet.“ Ein Bus im 1-Stunden-Takt ist für Menschen, die mit einem eigenen Auto über eine Alternative verfügen, nicht attraktiv „‚Wer hat schon gerne in Weetzen 1 Stunde auf einen verpassten Bus gewartet oder ist 1 Stunde zu Fuß nach Gehrden gegangen!‘“

Die Frage, wer die intendierten NutzerInnen des Busses sind, führt zumindest zu einer möglichen Erklärung für die Ablehnung der Region. Was dieser Youtuber für Nordamerika beschreibt, würde dann auch die Vorurteile der Verkehrsplaner der Region Hannover für Städte im Umland wie Gehrden beschreiben: „Man fährt mit dem Bus, weil man zu arm ist, Auto zu fahren“ (1:50), oder weil man zu jung (oder zu alt) ist, um einen Führerschein zu haben. Diesen NutzerInnen mutet die Region auch durchaus zu, 1 Stunde auf den nächsten Bus zu warten, falls die S-Bahn 10 Minuten Verspätung hat, was ja leider öfter vorkommt. Diejenigen die ein Auto besitzen wird man so erst recht nicht überzeugen, stattdessen Bus und Bahn zu nehmen.

Als Politiker der LINKEN. ist es für mich einfach, hier eine Position zu beziehen. Wir wollen eine Verkehrswende, und das heißt nicht nur, dass Autos demnächst ökologisch angetrieben werden sollen, sondern auch, dass wir die Probleme mit Stau, stockenden Verkehr und Parkplatzsuche in den Städten in den Griff kriegen müssen – ansonsten stehen die Pendler mit ihren Ökostrom-Elektroautos in naher Zukunft immer noch im Stau. Wir wollen das Auto keineswegs ganz abschaffen. Dieses Posting unseres verkehrspolitischen Sprechers bringt das auf den Punkt. Wir müssen Bus und Bahn also in den Städten so attraktiv machen, dass die Menschen ihr Auto freiwillig zu Hause lassen.   

In Hannover hat man besonders das Problem der Stau im Berufsverkehr, aber auch in Gehrden hat man das Problem mit den Parkplätzen. Eine Mitarbeiterin des Gehrdener Rathauses wohnt z.B. in Völksen, und hat berichtet, wie sie sich über die Parkplatzsuche morgens vor der Arbeit ärgert. Völksen hat eine S-Bahn-Station, deswegen wäre Bus und Bahn hier eine Alternative – aber natürlich nur, wenn man nicht bis zu mehr als ca. 8 Minuten nach der Arbeit auf den Bus warten muss. Beim Gehrdener Krankenhaus, mit dem notwendigen Schichtbetrieb, ist dies Problem noch deutlicher. Wer zu Uhrzeiten arbeitet, bei denen gar kein Bus fährt, ist gezwungen, das Auto zu nehmen.

Dies betrifft z.B. einen Auszubildenen des Krankenhauses, der in Eldagsen wohnt. Eldagsen hat keine S-Bahn-Station; bei den aktuellen Fahrplänen kann man ihm nur empfehlen, baldmöglichst seinen Führerschein zu machen, und sich ein gebrauchtes Auto (oder wenigstens ein Moped) zu kaufen. Hätte man eine vernünftige Busverbindung zwischen dem Bahnhof Weetzen und dem Gehrdener Krankenhaus, so könnte er zumindest mit dem Fahrrad nach Völksen, und von dort mit Bahn und Bus zu Arbeit fahren.

Und natürlich betrifft hätten nicht nur die Pendler von einer Anbindung der Linie 500 an die S-Bahn in Weetzen einen Vorteil. In Bezug auf das Krankenhaus wird das Problem besonders deutlich, weil es sich eben um eine öffentliche Einrichtung handelt, die für mehrere Gemeinden zuständig ist; nach der Konsolidierung der Kliniken der Region Hannover mit der Schließung des Standortes in Springe gibt es noch 7 allgemeine Kliniken der Region Hannover. Aus Barsinghausen, Wennigsen und Springe ist Gehrden der am nächsten gelegenen Standort, aber nicht direkt mit S-Bahn und Bus erreichbar. Selbstverständlich wird jemand, der einen medizinischen Notfall erleidet, mit Notarzt, Krankenwagen, oder, bei einem weniger schlimmen Fall, mit dem Taxi zum Gehrdener Krankenhaus fahren. Aber was ist mit denjenigen, die einen Patienten um Gehrdener Krankenhaus besuchen wollen? Sollen sie, wenn sie nicht direkt aus Hannover kommen, am besten das Auto nehmen? 

Natürlich kann man nicht jede Ortschaft mit einem 15 oder 30 Minuten-Takt an den ÖPNV anbinden. Es gibt allerdings bestimmte Orte, die in einem integrierten Netz von Bus und S-Bahn enthalten sein sollten, mit einem Takt von 30 Minuten oder besser – und ein Kreiskrankenhaus gehört auf jeden Fall dazu, das Rathaus in dem Hauptort eine Gemeinde sicherlich auch. Gehrden ist  zwar mit der Linie 500 schon mit einem 10-Takt werktags von 7 bis 19 Uhr versorgt (Fahrplanbuch online; außerhalb dieser Zeiten und Sonntags mit einem 30-Minuten-Takt) – aber dies  gilt bislang nur direkt aus Richtung Hauptbahnhof Hannover!

Für die südwestlichen Gemeinden, Barsinghausen, Springe und Wennigsen, gibt es keine direkte Anbindung mit der S-Bahn über den Bahnhof Weetzen. Offensichtlich meinen die Verkehrsplaner bei der Region Hannover, ein Nabe-Speiche-System, bei dem alle Linien sich an einem Knoten im Zentrum der Großstadt (bestehend aus Hauptbahnhof und Kröpke) treffen, würde reichen – aber für mich, und für KommunalpolitikerInnen aller Parteien im Rat der Stadt Gehrden, ist das gerade nicht ausreichend. Stattdessen brauchen wir ein Netz-System mit sekundären Knotenpunkten – der sekundäre Knotenpunkt ist in diesem Fall der Bahnhof Weetzen.  

Wie gut eine solche Verbindung angenommen wird lässt sich schwer prognostizieren. Die Verkehrswende ist eben auch eine Mentalitätswende. Es gibt Menschen die sich nicht vorstellen könnten, dem Bus zur Arbeit zu nehmen, weil das Auto für sie ein wichtiges Statussymbol ist. Umkehrt gibt es Menschen, die aus ökologischen oder sportlichen Gründen z.B. im Sommer mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Wenn man diesen Menschen eine gute Busverbindung als Ausweichoption für Tage mit strömenden Regen zur Verfügung stellt, würde sie vielleicht ganz auf ein Auto verzichten können. Jedenfalls erfordert eine solche Änderungen der Mentalität Zeit und die Verlässlichkeit des ÖPNV-Angebots. Wenn man nur ein halbes Jahr eine solche Verbindung ausprobieren würde, wird man sicherlich nicht den vollen Effekt merken.

Die Entscheidung über den Ausbau des Busnetzes würde ich daher auch nicht von Prognosen über das Nutzungsverhalten abhängig machen. Stattdessen würde ich fragen, welche Orte denn durch ein integriertes Netz von Bus und S-Bahn verbunden werden sollen. Zu diesen Orten zählen vielleicht auch große Betriebe als Arbeitgeber, auf jeden Fall aber ein Krankenhaus und ein Rathaus als öffentliche Einrichtungen. Offenbar meint Verkehrsdezernent der Region Hannover, dass wir ein solches Netz nicht brauchen würden, und diese Position verstehe ich nicht.

Die zusätzlichen Kosten, können, wie gesagt, nicht das Problem sein. Anders als bei den Fahrten der Pendler nach Hannover haben wir in Gehrden zwar nicht das Problem, dass die Straßen überlastet sind, und es zur Hauptverkehrszeit unvermeidlich zu Stau kommt – aber wir haben das Problem, dass die Parkmöglichkeiten ausgelastet sind, und wir nicht, ohne weiteres, Platz für zusätzliche Parkflächen haben. Ich denke, die Kosten, die bei der Region Hannover für die Anbindung der Linie 500 an den Bahnhof Weetzen entstehen würden, sind deutlich geringer, als die Kosten die in Gehrden für das Ausweisen neuer Parkflächen entstehen würde.

Eine andere Erklärung, die ich noch dafür gehört habe, wieso man bei der Region Hannover die Linie 500 nicht nach Weetzen verlängern will, ist, dass Bus (und Stadtbahn) von der Region betrieben werden, die S-Bahn jedoch nicht, und dass man es daher vermeiden will, dass Pendler vom Bus auf die S-Bahn umsteigen. Aber dies ist natürlich kein Argument gegen eine bessere Anbindung von Gehrden an die S-Bahn, sondern ein Argument dafür, langfristig zu versuchen, die S-Bahn in einem gemeinsamen Verkehrsbetrieb mit Bus und Stadtbahn einzugliedern. Vielleicht sind die Regionspolitiker der SPD auch einfach zu starrsinnig, um sich auf die für sie neue Ideen einzulassen, ein integriertes Netz von Bus und S-Bahn zu haben und  den ÖPNV im Umland so attraktiv zu machen, dass auch Autofahrende auf Bus und Bahn umsteigen. Auf jeden Fall ist dieses Thema ein Grund, am 12.September die SPD in der Regionsversammlung abzuwählen.

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